Konzept

 

1. Ausgangslage

Die MigrantInnen wurden in einer anderen Kultur sozialisiert. Dies trifft insbesondere für die Eltern von Migrantenfamilien zu. Sie bringen neben anderen Werten und Normen auch eine andere Art der Kommunikation mit sowie andere Strategien zur Beltigung von Konflikten, Krisen und schwierigen Situationen. Sie setzen andere Ziele in der Erziehung, andere Prioritäten in der Beltigung der Alltagsaufgaben und nehmen die Familienfunktionen teilweise anders wahr. Sie bringen aber auch unbeltigte Erfahrungen aus dem Heimatland (Bildungsstand, Armut, Traumatisierung, Unterdrückung, Erniedrigungen, Vergewaltigung etc.) mit, was sich zusätzlich belastend auf die aktuelle Lebenssituation auswirken kann.

Sie sind oft durch Systemgrösse, unterschiedliche Rollenerwartungen, eine andere Wahrnehmung der Familienfunktionen sowie durch eine andere Wahrnehmung von Erziehungsstilen und Erziehungszielen gekennzeichnet. Dies kann zu Widersprüchen und Schwierigkeiten bei der Beltigung des hiesigen Lebenskontextes führen. Auf der einen Seite müssen sie die Pflichten und Erwartungen der schweizerischen Gesellschaft und auf der anderen Seite die Pflichten und Erwartungen der Herkunftsgesellschaft und familie erfüllen. In diesem Spannungsfeld zwischen zwei Kulturen und unterschiedlichen Erwartungen können in den Familien Situationen entstehen, welche ohne eine fachliche Unterstzung nicht bewältigt werden können.

 

2.1. FokusFamilien mit Migrationshintergrund“

Die gesellschaftlichen Bedingungen auf der einen Seite und die Bedingungen in der Familie auf der anderen Seite führen dazu, dass Migrantenfamilien grosse Schwierigkeiten haben, ihre Aufgaben im Alltag gelingend zu bewältigen. Die gesellschaftlichen Bedingungen und die Bedingungen in der Familie bzw. des Individuums stehen miteinander in einer Wechselwirkung. Als Folge dessen werden die Familien und Individuen in Familien mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert.

 

2.2. Interkulturelle Kompetenz in der sozialpädagogische Familienbegleitung der proIntegra

Migrationsspezifische Risikofaktoren in der aufsuchenden Familienarbeit miteinbeziehen zu können, setzt ein hohes Mass an interkultureller Kompetenz bei den Familienbegleitern voraus. Im Familiencoaching der proIntegra wird interkulturelle Kompetenz als Fähigkeit betrachtet, mit Kulturunterschieden konstruktiv umzugehen.

 

2.3. Migrationsspezifische Herausforderungen und Themen bei der Arbeit mit Migrantenfamilien

 Vor dem Hintergrund der geschilderten Ausgangslage müssen nebst der erforderlichen sozialpädagogischen Fachkompetenz und den entsprechenden Methodenkenntnissen in der Arbeit des Familiencoachings verschiedene migrationsspezifische Risikofaktoren erkannt und benannt werden.

Bestimmte Risikofaktoren treten aufgrund unterschiedlicher Bedingungen bei Migrationsfamilien häufiger auf als bei Familien, welche mit dem hiesigen Kontext vertraut sind. Nebst den bekannten Risikofaktoren werden deshalb in der Elternarbeit mit MigrantInnen die migrationsspezifischen Risikofaktoren erfragt, berücksichtigt und in den Arbeitsprozess miteinbezogen. Die Erfahrungen mit Familiencoaching im Migrationsbereich zeigen, dass dieses Vorgehen als Grundlage für eine gelungene und nachhaltige Intervention in entsprechenden Familiensystemen betrachtet werden kann.

 

Kultur als dynamisches Gefüge mit fliessenden Grenzen stellt uns vor die Herausforderung, diese als Subkultur einer spezifischen Schicht oder als Kultur eines Familiensystems zu verstehen, zu erklären und richtig zu deuten. Eine entsprechende Reflexion ist eine Voraussetzung, um die KlientInnen in ihrem Verhalten und Erleben zu verstehen. Hierzu gert auch die Klärung von kulturspezifischen Wirklichkeiten wie Religion und Tradition sowie die Frage nach den kulturspezifischen Kenntnissen des Aufnahmelandes.

 

Der Aufbau des Arbeitsbündnisses ist bereits bei den Klientinnen der gleichen Kultur eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und mit Risiken verbunden. Vielfältige Verunsicherungen z.B. häufiger Zwangskontext, bereits bestehende Androhung von Kindesschutzmassnahmen (insbesondere Fremdplatzierung), Vorurteile gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf Grund von individuellen Erfahrungen, mangelndem Wissen und Verständnis für institutionelle Massnahmen bzw. Unterstzung erschweren bei MigrantInnen häufig den Aufbau des Arbeitsbündnisses. Das hat zur Folge, dass der Zeitaufwand für die notwendigen Klärungen und die Herstellung des Arbeitsbündnisses oft höher ist.

Spezifische Aspekte interkulturelle Kompetenz in der Familienarbeit: Unter Umständen kann der Aufbau eines Arbeitsbündnisses durch den Einsatz von Fachpersonen aus der gleichen Herkunftskultur erleichtert werden., dies trägt dazu bei, dass die Einsatzzeit in der Familie verkürzt werden kann.

Ausserdem sind viele MigrantInnen gegenüber staatlichen Behörden aufgrund ihrer Erfahrung im Herkunftsland misstrauisch. Das kann dazu führen, dass der Sozialarbeiter oder Familiencoach als „ Polizist“ wahrgenommen wird. Aus diesem Grund können angebotene Unterstützungen unter Umständen nicht als solche, sondern als Bedrohung wahrgenommen werden. Dies kann sich zu Beginn negativ auf die Kooperationsbereitschaft der MigrantInnen auswirken.

Spezifische Aspekte interkultureller Kompetenz in der Familienarbeit: Damit Irritationen und Störungen vermieden werden können, ist in der Zusammenarbeit mit dem Helfersystem im Bereich der Information und Kommunikation gegenüber den MigrantInnen ein hohes Mass an Transparenz anzustreben.

 

2.4. Zielgruppe

Das Angebot von proIntegra, sozialpädagogische Familienbegleitung, Familiencoaching, Mediation, Gefährdungsabklärung und Krisenintervention sowie Projektarbeit im Migrationsbereich richtet sich an alle Familien mit einem Migrationshintergrund und an binationale Familien, welche vorläufige Unterstzung bei ihrer Alltagsbeltigung und den Erziehungsaufgaben benötigen. Mit unserem Angebot sprechen wir die albanisch sprechende Bevölkerung an, sowie die südslawische und allgemein Migranten aus dem balkanischen Sprach- und Kulturraum (Kosovo, Mazedonien, Serbien, Albanien, Montenegro, Kroatien und Bosnien und Herzegowina). Unter anderen in: Albanisch, Kroatisch, Serbisch, Bosnisch, Mazedonisch und Türkisch.